Vor 30 Jahren, im Dezember 1995, wurde die Grube Messel bei Darmstadt als erste Naturstätte Deutschlands in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. 2025 ist damit gleich in dreifacher Hinsicht ein Jubiläumsjahr: 30 Jahre Weltnaturerbe, 50 Jahre systematische Grabungen durch Senckenberg und 150 Jahre seit dem ersten Fossilfund. Passend dazu zeigt das Museum am Welterbe die Sonderausstellung „FLOWER-POWER! Insekten im Blütenrausch“.
Für mich weckt dieses Jubiläum Erinnerungen – an eine Grabung, an erste Präparationsversuche und an eine Zeit, in der Wissenschaft und Raubbau in Messel dicht beieinanderlagen.
Warum Messel-Fossilien für die Evolution so wichtig sind
Die Fossilien aus Messel stammen aus dem Eozän, vor rund 47 Millionen Jahren. Das ist die Zeit nach dem Aussterben der Dinosaurier, als die Säugetiere die frei gewordenen Lebensräume eroberten und sich rasch in viele neue Formen entwickelten. Messel zeigt diesen Moment wie kaum ein anderer Ort.
Der Grund ist die außergewöhnliche Erhaltung. Im feinen Ölschiefer blieben nicht nur Skelette erhalten, sondern auch Umrisse von Haut und Fell, Federn, der Mageninhalt und sogar ungeborene Föten. Man sieht also nicht nur, wie ein Tier gebaut war, sondern auch, was es gefressen hat und wie es lebte. Berühmt sind die kleinen Urpferdchen, darunter trächtige Stuten mit dem Fohlen im Leib.
Damit ist Messel weit mehr als eine schöne Fundstelle. Es ist ein fast vollständiges Fenster in ein frühes Säugetier-Ökosystem – und eine der wichtigsten Quellen, um die Anfänge unserer eigenen Verwandtschaftsgruppe zu verstehen.
Fast eine Mülldeponie
Der Ölschieferabbau in Messel endete 1971. Danach sollte aus dem großen Loch eine Mülldeponie für das Rhein-Main-Gebiet werden. Dass es nie dazu kam, ist vor allem einer hartnäckigen Bürgerinitiative aus Messel zu verdanken.
Widerstand kam aber auch aus der Wissenschaft. An der Universität Tübingen, damals eine der ersten Adressen der deutschen Paläontologie, setzte sich Prof. Frank Westphal für den Erhalt der Grube ein. Er war Wirbeltier-Paläontologe und Kustos der bedeutenden Tübinger Sammlung und brachte das Gewicht des Instituts in die Diskussion ein.
Die wissenschaftliche Grabung 1989
1989 war ich als Tübinger Geologie-Student bei einer der universitären Grabungskampagnen dabei. Geleitet wurde sie von Eberhard „Dino“ Frey, der damals in Tübingen über die Konstruktionsmorphologie und Biomechanik von Krokodilen promovierte.
Die Fossildichte war beeindruckend. Bei fast jedem Spalten des feuchten Ölschiefers kam etwas zum Vorschein. Der urtümliche Schlammfisch Amia war massenhaft anzutreffen. Das Highlight war ein Krokodil, Diplocynodon darwini, das nach der Bergung ein halbes Jahr lang von einer Präparatorin freigelegt wurde. Im Jahr danach arbeitete ich als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut und präparierte Fische. Das war meine erste Schule im Präparieren.
Ein schöner Zufall am Rande: Der allererste Fund aus der Grube, vor rund 150 Jahren geborgen, war ebenfalls ein Darwin-Doppelhundszahnkrokodil.
Die andere Seite: Nächtliche Grabräuber
So spannend die Arbeit war, sie hatte eine Kehrseite: den unkontrollierten, kommerziellen Raubbau. Die Grube war ein großes, kaum zu sicherndes Gelände.
Wir gruben tagsüber und dokumentierten jeden Fund. Nachts sahen wir dagegen manchmal aus der Ferne ein schwaches Licht tief unten in der Grube, wohl in einem provisorischen Zelt. Dort waren illegale Sammler am Werk, die Fossilien für den Schwarzmarkt bargen.
Deshalb konnten wir das erwähnte Krokodil auch nicht liegen lassen. Es musste noch am selben Tag geborgen werden. Wäre es über Nacht offen liegen geblieben, wäre es am Morgen vermutlich geplündert gewesen.
Wie rettet man ein Fossil vor dem Zerfall?
Dass man Messel-Fossilien heute überhaupt in Sammlungen und Museen sehen kann, verdankt sich einer Erfindung aus der privaten Sammlerszene. Der Ölschiefer besteht zu großen Teilen aus Wasser. Trocknet er an der Luft, schwindet das Gestein, reißt auf und zerfällt – und das Fossil mit ihm.
In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren entwickelten Sammler dafür die Transferpräparation mit Kunstharz. Vereinfacht läuft sie so ab:
- Das Fossil wird zunächst auf der noch feuchten Platte von einer Seite freigelegt.
- Diese Seite wird mit flüssigem Kunstharz übergossen.
- Nach dem Aushärten wird die Platte gewendet und der Ölschiefer rückwärtig entfernt.
- Das Fossil ist nun stabil eingebettet in der Kunststoffplatte.
Die Methode war ein wichtiger Schritt. Sie lässt sich auf andere Fundorte übertragen – überall dort, wo das Gestein stark zum Austrocknen neigt. Wie sehr diese Technik mit Messel verbunden ist, zeigt sich noch Jahrzehnte später vor Gericht: Im Streit um das Fossil „Ida“ wurde ernsthaft über das Alter der Kunstharz-Methode gestritten, um den Fundzeitpunkt einzugrenzen (dazu unten).
Das Pendant im Osten: das Geiseltal
Ein enges Gegenstück zu Messel liegt in Sachsen-Anhalt: das Geiseltal westlich von Merseburg. Auch hier stammen die Funde aus dem mittleren Eozän, also aus derselben Zeit vor rund 47 Millionen Jahren. Statt im Ölschiefer steckten sie hier in der Braunkohle.
Zwischen 1933 und 1993 kamen im Tagebau Zehntausende Fossilien von mehr als hundert Arten ans Licht – darunter Urpferde, frühe Tapire und landlebende Krokodile. Fachleute halten das Geiseltal für ebenso bedeutend wie Messel. Weil die Sammlung zu DDR-Zeiten kaum zugänglich war, geriet sie lange in Vergessenheit. Beide Fundstellen teilen ein Problem: Ihr Gestein ist instabil, und die Fossilien lassen sich nur mit besonderen Einbettungs- und Transferverfahren dauerhaft erhalten.
Rekordpreise: Was ein Messel-Fossil wert ist
Ein Messel-Krokodil, wie wir 1989 eines bargen, ist heute ein gesuchtes Sammlerstück. Im Dezember 2023 versteigerte das Auktionshaus Koller in Zürich ein fossiles Krokodil aus Messel – rund 55 mal 135 Zentimeter groß, aus einer deutschen Privatsammlung. Zuschlag: 200’000 Franken inklusive Aufgeld. Solche Preise erklären, warum Messel-Fossilien so begehrt sind – und warum Herkunft und Legalität eine so große Rolle spielen. Das zeigt kein Fall deutlicher als „Ida“.
Der Fall Ida: Weltstar mit Fragezeichen
Kein Messel-Fossil ist berühmter als „Ida“. Am 19. Mai 2009 wurde das rund 47 Millionen Jahre alte Primatenskelett (Darwinius masillae) in New York vorgestellt – mit großem Medienrummel, sogar der Bürgermeister der Stadt war dabei. Vermarktet wurde Ida als „Bindeglied“ zwischen Mensch und Affe. Verkauft hatte das Stück der Bad Homburger Fossilienhändler Thomas Perner, über Jahre der führende Händler für Messel-Fossilien, an das Naturhistorische Museum in Oslo. Ihren Namen erhielt Ida nach der Tochter des Osloer Forschers Jørn Hurum.
Der wissenschaftliche Ruhm hielt der Prüfung allerdings nicht stand. Spätere Studien ordneten Ida den Adapiformen zu – einer Gruppe, die näher bei den heutigen Lemuren steht als bei der Linie, die zu Affen und Menschen führt.
Noch aufschlussreicher ist der Streit ums Eigentum. Ein früherer Grundstückseigentümer der Grube verlangte einen Anteil am Verkaufserlös – als Miteigentümer eines „Schatzes“ nach § 984 BGB. Vor Gericht scheiterte er, weil er nicht beweisen konnte, wann und wo genau Ida gefunden wurde. Die Zeugen nannten Fundjahre zwischen 1973 und 1983. Ohne den Nachweis, dass der Fund in seine Eigentumszeit fiel, gab es keinen Anspruch. Das Oberlandesgericht Frankfurt wies die Klage 2014 endgültig ab (Az. 12 U 42/13). Nebenbei stellte das Gericht klar: Fossilien fallen nicht unter das Bergrecht, sondern unter das Schatzfund-Recht.
Was ist heute legal?
Wer heute ein Messel-Fossil kaufen möchte, bewegt sich in einem streng geregelten Rahmen. In Hessen fallen die Funde unter das Hessische Denkmalschutzgesetz.
- Es gilt das Schatzregal: Neufunde gehen automatisch in das Eigentum des Landes Hessen über.
- Private Grabungen sind verboten. Das Grabungsmonopol liegt bei autorisierten Institutionen wie der Senckenberg Gesellschaft.
- Für den Markt zählt der Stichtag: Nach dem Ende des Bergbaus 1971 bis zur Unterschutzstellung 1991 war der Zutritt geregelt, aber nicht grundsätzlich verboten. Mit dem UNESCO-Titel 1995 kam das umfassende Verbot.
- Funde, die vor 1991 rechtmäßig oder geduldet gemacht wurden, gelten weiter als Privatbesitz und dürfen gehandelt werden.
Entscheidend ist ein lückenloser Herkunftsnachweis. Viele Messel-Fossilien fallen zudem unter das Kulturgutschutzgesetz und dürfen nicht ohne Genehmigung ins Ausland. Auf dem freien Markt sind sie selten, und ein Kauf sollte nur mit einem Zertifikat samt Provenienznachweis erfolgen.
Das Museum vor Ort
Die große Bühne für Messel bespielt Senckenberg – in Frankfurt und im Besucherzentrum an der Grube. Daneben gibt es aber einen leiseren, sehr persönlichen Ort: das Fossilien- und Heimatmuseum Messel mitten im Dorf. Träger ist die Gemeinde, betrieben wird es ehrenamtlich vom Museumsverein Messel e.V., der Eintritt ist frei.
Das Museum verbindet zwei Geschichten, die zusammengehören. Es zeigt die rund 48 Millionen Jahre alten Fossilien – und daneben die Geschichte des Ortes: die hundertjährige Ölschiefer-Industrie, die zeitweise einen großen Teil der deutschen Mineralölproduktion stellte, und den erfolgreichen Widerstand der Messeler gegen die Mülldeponie.
Das ist mehr als Lokalkolorit. Ein Welterbe lebt auch davon, dass es vor Ort verankert ist – dass eine Gemeinde ihre Fundstelle als eigenes Erbe begreift, pflegt und weitererzählt.
Fazit
30 Jahre nach der Aufnahme in die Welterbeliste steht Messel gut da. Die Fundstelle ist ein Erfolg für die Wissenschaft, ein einzigartiges Fenster in die frühe Entwicklung der Säugetiere.
Für mich erzählen ihre Fossilien aber auch eine bewegte Geschichte: Von feuchtem Schiefer und dessen Präparation, von nächtlichen Grabräubern, von Zuschlägen in sechsstelliger Höhe und von einem „entthronten“ Weltstar namens Ida. Der rote Faden: Wer ein Stück aus Messel besitzt oder erwerben will, sollte vor allem auf eines achten: eine saubere, lückenlose Dokumentation seiner Herkunft.
Wie viel ein solches lokales Museum wert ist, sieht man übrigens dort, wo es fehlt – etwa bei den weltberühmten Schiefer-Fossilien von Bundenbach im Hunsrück. Doch das ist eine andere Geschichte, von der ich an anderer Stelle berichte.
Quellen
- Welterbe Grube Messel: grube-messel.de
- Fossilien- und Heimatmuseum Messel (Museumsverein Messel e.V.): messelmuseum.de
- Senckenberg, Museum am Welterbe: Sonderausstellung „FLOWER-POWER! Insekten im Blütenrausch“ (4. April 2025 – 1. Februar 2026), Pressemitteilung
- Hessische Landesregierung (hessen.de) und Deutsche UNESCO-Kommission: 30 Jahre Weltnaturerbe Grube Messel, Pressemitteilung
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Geiseltal (24. März 2020), Pressemitteilung
- Koller Auktionen, Zürich: „Fossiles Krokodil“ aus Messel, Zuschlag CHF 200’000 (Auktion „Out of This World„, Dezember 2023)
- Oberlandesgericht Frankfurt, Urteil vom 27.06.2014, Az. 12 U 42/13 (Eigentumserwerb an Fossilien „Darwinius masillae“ / „Ida“)
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