Ohne Computer zum Nobelpreis: Dolf Seilacher zum 100. Geburtstag

Dolf Seilacher vor FossilArt

Unser heutiges Verständnis der Paläontologie, insbesondere der klassischen Fundstellen des Holzmadener Posidonienschiefer oder der Hunsrückschiefer ist eng verknüpft mit Adolf „Dolf“ Seilacher. Er revolutionierte die Geowissenschaften – ganz ohne Computer, allein mit der Kraft des geschulten Auges. Sein 100. Geburtstag (24. Februar 1925 – 26. April 2014) gibt Anlass für den Blick auf sein Vermächtnis.

 

Vom Haizahn-Sammler zum Nestor der Paläobiologie

Schon als Schüler war Seilacher von Fossilien fasziniert. Gefördert vom Sammler und Amateur-Paläontologen Hugo Rühle von Lilienstern nahm er 1939 – mit gerade einmal 14 Jahren – erstmals an der Jahrestagung der Paläontologischen Gesellschaft teil. Mit 18 veröffentlichte er 1943 seine erste wissenschaftliche Arbeit: über die Zähne fossiler Süßwasser-Haie aus dem Keuper seiner schwäbischen Heimat rund um Gaildorf.

Nach dem Kriegsdienst bei der Marine studierte er ab 1945 in Tübingen Geologie und Paläontologie. Die Vorlesungen des berühmten, aber konservativen Wirbeltier-Paläontologen Friedrich von Huene sagten ihm wenig zu. Also wechselte er zum Invertebraten-Paläontologen Otto Heinrich Schindewolf. 1951 promovierte er bei ihm „Zur Einteilung und Deutung fossiler Lebensspuren“ – die Geburtsstunde der modernen Paläo-Ichnologie, der Lehre von den Spurenfossilien.

 

„Dolfizieren“: Wie Seilacher toten Stein zum Leben erweckte

Seilacher hatte eine Gabe, die als Fachbegriff hängenblieb: to be dolfed, „dolfisiert“ werden. Wer mit ihm sprach, geriet in den Bann seiner Vorstellungskraft. Wo andere nur einen toten Stein sahen, las Seilacher das dynamische Verhalten Jahrmillionen alter Organismen.

Als Professor in Göttingen (1961–1964), als Nachfolger Schindewolfs in Tübingen (1964–1990) und ab 1987 über gut zwei Jahrzehnte auch an der Yale University, räumte er auf mit verkrusteten Lehrmeinungen:

  • Die Ediacara-Biota („Vendobionten“): Seilacher deutete die rätselhaften, ältesten vielzelligen Organismen der Erde völlig neu. Statt Vorfahren heutiger Quallen sah er in ihnen ein evolutionäres Sackgassen-Experiment: mund- und darmlose, kammerartig gesteppte Matratzenkonstruktionen (Pneu-Strukturen), die von mikrobiellen Matten lebten.
  • Trophische Eskalation: Die Grenze vom Präkambrium zum Kambrium beschrieb er als biohistorische Revolution – den Übergang von flachen organischen Mattenfilmen hin zur vertikalen Durchwühlung des Sediments (Bioturbation), die völlig neue Ökosysteme schuf.
  • Konstruktions-Morphologie & Morphodynamik: In enger Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Leichtbau-Architekten Frei Otto (Sonderforschungsbereich 230, „Natürliche Konstruktionen“) zeigte Seilacher, dass biologische Formen mehr sind als Genetik. Sie entstehen im Spannungsdreieck aus Funktion, bautechnischen Grenzen (Statik) und phylogenetischem Erbe.

Zu diesem eigenwilligen Bild gehörte auch sein Fortbewegungsmittel: Seilacher kam, wie ich mich erinnere, mit seiner alten Vespa zur Uni gefahren – einen Führerschein hatte er nie gemacht. Praktische Konventionen interessierten ihn wenig.

 

Souveränität im Angesicht der Fälschung: Die Belemniten-Affäre

Seilachers intuitiver Geist machte ihn genial, manchmal aber auch angreifbar. Legendär ist die Anekdote seiner Studenten Joachim Reitner und Wolfgang Riegraf gegen Ende der 1970er Jahre. Sammler hatten Seilacher vermeintlich „perfekte“, vollständige Belemniten-Weichteilfossilien verkauft – samt Fangarmen und Tintenbeutel. Begeistert publizierte er den Fund und hängte das Prachtstück ins Treppenhaus des Tübinger Instituts.

Als die beiden nach einer Institutsfeier den Mut fassten, das Exponat von der Wand zu nehmen, entlarvten sie es als geklebte Fälschung – zwei Organismen, zusammengesetzt zu einem „Tier“, ein Composit. Seilacher reagierte beispiellos souverän. Statt den Fund totzuschweigen, forderte er sie auf: „Nehmen Sie den Institutsbus und untersuchen Sie die Stücke in den anderen Museen!“ Zur bitteren Gewissheit der dortigen Kustoden stammten alle aus derselben Fälscherwerkstatt. Für Seilacher war es der Beweis, dass seine Lehre wirkte: Seine Studenten hatten gelernt, kritisch hinzusehen.

 

Zeichnen als Forschung

Seilacher brauchte keine teure Infrastruktur. Sein wichtigstes Werkzeug war der Zeichenspiegel (Camera lucida), den er von Friedrich von Huene geerbt hatte. Getreu dem alten Grundsatz „Was man nicht gezeichnet hat, das hat man nicht gesehen“ hielt er jede Beobachtung im Bild fest – im Zigarrenqualm seines Arbeitszimmers, im Gelände, notfalls auf einer losen Steinplatte.

Doch es ging um mehr als bloßes Abzeichnen. Seilacher beherrschte wie kaum ein anderer die Kunst, komplexe Sachverhalte in Diagrammen zu fassen – mit Tusche und Klebefolien in unterschiedlichen Punktrastern und Mustern. Viele seiner Publikationen legen davon Zeugnis ab.

Wie schnell und treffsicher er dabei war, habe ich selbst erlebt. Im zweiten Semester brachte ich ihm einen Fund: einen runden Stein mit weißer, mäandrierender Musterung von der Kreideküste bei Dover. Bei seinen Professoren-Kollegen war ich damit schon hausieren gegangen, ihre Antworten aber befriedigten mich nicht. Der Strukturgeologe erkannte mikrotektonische Fältelungen, der Mineraloge „Schlangengips“. Seilacher schmunzelte über das ganze Gesicht – und saß auch schon an seinem Zeichentisch.

Dort entstand die Erklärung: Der vermeintliche Stein war eine Feuersteinknolle, in deren Kern ein fossiler Kieselschwamm (Coeloptychium) steckte; dessen radiale Falten erschienen im Anschnitt als das rätselhafte „Mäanderband“. Kurz darauf bestellte Seilacher den Institutsfotografen. Für ihn war selbstverständlich, dass der Kurzbeitrag unter meinem Namen erscheinen sollte; um den Rest bei der Paläontologischen Zeitschrift kümmerte er sich selbst. Der Titel, den er wählte, sagt alles über ihn: „Eine fossile Kirsche“. Konventionen bedeuteten ihm wenig, er schwamm lieber gegen den Strom – stets mit einem Augenzwinkern.

 

Der „Nobelpreis der Geowissenschaften“ und Fossil Art

1992 erhielt Seilacher die höchste Auszeichnung der Erdwissenschaften: den Crafoord-Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, überreicht vom schwedischen König. Vom Preisgeld – 650.000 Mark – finanzierte er weltweite Forschungsreisen und seine Wanderausstellung „Fossil Art“; den Rest gab er in die neu gegründete Edith-und-Adolf-Seilacher-Stiftung, die bis heute internationale Paläontologen nach Tübingen einlädt.

Für „Fossil Art“ formte sein Präparator Hans Luginsland über Jahrzehnte monumentale Spurenfossilien-Platten ab – meist direkt im Gelände, ohne die Fossilien aus dem Gestein brechen zu müssen. So wurden nüchterne wissenschaftliche Daten zu gefeierten Kunstwerken.

Eine andere Anekdote blieb mir in Erinnerung auf einer Exkursion 1988: Seilacher erzählte, er habe vergeblich versucht, den damaligen Seniorchef des Zementwerks Rohrbach (heute Holcim) zu überreden, das Firmenlogo auf den Kopf zu stellen. Auf den Transportern, die durchs „Ländle“ fuhren, prangte die Krone einer Seelilie (Seirocrinus). Seine Forschung (Seilacher & Haude 1968) hatte aber gezeigt: Diese koloniebildenden Tiere lebten festgewachsen an treibenden Baumstämmen, also driftend – mit dem „Kopf“ nach unten. Der Chef lehnte ab: Ein Symbol mit nach unten gekreuzten Hämmern kennzeichne ein stillgelegtes Bergwerk, und diesen Eindruck wolle er vermeiden.

 

Sein Vermächtnis: Die zehn Gebote des Dolf Seilacher

Bei der Verleihung der Medaille der amerikanischen Paleontological Society 1993 formulierte Seilacher ein Credo, das er all seinen Studenten mit auf den Weg gab – in Tübingen wie in Yale. Frei zusammengefasst „glaubte“ er an:

  1. die analytische Kraft des menschlichen Auges, die Instrumente nur ergänzen, aber nicht ersetzen können;
  2. die Einheit von Beschreibung und Deutung – Beobachten ist ein selbstkorrigierender Dialog mit dem Objekt;
  3. den Wert selbst gezeichneter Abbildungen, für das Beobachten wie für das Erklären;
  4. die Einheit von Forschung und Lehre, die den Blick weitet und immer neue, unvoreingenommene Köpfe herausfordert;
  5. den Wert freier, fächerübergreifender Diskussion – nicht um recht zu behalten, sondern um die eigenen Ideen zu prüfen;
  6. die internationale Zusammenarbeit, die die Datenbasis verbreitert und von verschiedenen Traditionen profitiert;
  7. das Popularisieren der Wissenschaft in Vorträgen, Medien und Ausstellungen – Paläontologie kann mehr bieten als nur Dinosaurier;
  8. Paläontologen, die zugleich in geobiologischen und paläobiologischen Zusammenhängen denken;
  9. das Recht auf unkonventionelle, ruhig auch provokante Modelle – sie halten die Wissenschaft in Bewegung;
  10. die Freude an der Paläontologie.

Am 22. Februar 2025 versammelten sich Weggefährten, Kollegen und die Familie Seilacher im Hörsaal in Tübingen, um diesen Jahrhundert-Wissenschaftler zu ehren. Eingeladen hatten die Paläontologische Sammlung der Universität (Madelaine Böhme und Ingmar Werneburg), Hans Hagdorn vom Muschelkalkmuseum Ingelfingen und Seilachers Witwe Edith Seilacher-Drexler.

 

Quellen

  • Joachim Reitner: „An obituary for Professor Dr. Adolf Seilacher / Ein Nachruf auf Prof. Dr. Adolf Seilacher.“ – Paläontologische Zeitschrift (PalZ), Bd. 90, S. 193–203, 2016 (DOI).
  • Ingmar Werneburg: „Eine Spur Glückseligkeit. Zum 100. Geburtstag des Naturforschers Dolf Seilacher (1925–2025).“ – CHELYOPS. Berichte aus der Paläontologischen Sammlung in Tübingen, Bd. 2, S. 39–58, Scidinge Hall Verlag, Tübingen 2025 (DOI).
  • Hans Hagdorn (Hrsg.): Paläontologe Adolf Seilacher – Eine Spurensuche. 2025.
  • Christoph Leins: „Ein besonderes Fossil“ [„Eine fossile Kirsche“]. – Paläontologische Zeitschrift, Bd. 62, H. 3/4, S. 165–166, Stuttgart 1988.
  • Wolfgang Riegraf & Joachim Reitner: „Die ‚Weichteilbelemniten‘ des Posidonienschiefers (Untertoarcium) von Holzmaden (Baden-Württemberg) sind Fälschungen.“ – Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie, Monatshefte 1979, H. 5, S. 291–304, Stuttgart 1979.
  • Adolf Seilacher, H. Drozdzewski & Reimund Haude: „Form and function of the stem in a pseudoplanktonic crinoid (Seirocrinus).“ – Palaeontology, Bd. 11, H. 2, S. 275–282, 1968.
  • Joachim Kreibich: „Ohne Computer zum Nobelpreis“ – Symposium für Seilacher: Der Tübinger Paläontologe wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. – GEA (Reutlinger General-Anzeiger), 26.02.2025 (gea.de).

Bildnachweis: © Anthony Martin 2008

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