Besuch im Museum für Naturkunde Berlin

Naturkundemuseum Berlin Archaeopteryx

Das MfN Berlin – Mekka für Paläontologen

Mitten in Berlin schlägt das wissenschaftliche Herz der deutschen Paläontologie.

Kurz nach der Tschernobyl-Reaktorkatastrophe führte mich ein Schulausflug zur „politischen Weiterbildung“ ins geteilte Berlin. An Fronleichnam, den 29.05.1986, ging es in den Osten, dort war kein Feiertag. Nach dem obligatorischen Besuch im Palast der Republik gab es für mich nur ein Ziel: Der Archaeopteryx! Im Museum folgte dann die Ernüchterung. Die Wärter belächelten mich milde und klärten mich auf: „“Det Orijinal? Mensch, det is im Tresor, wat jlobste denn!“ Heute, 40 Jahre später, ist die Welt eine andere.

Das Museum für Naturkunde Berlin (MfN) blickt auf über 200 Jahre Geschichte zurück und bewahrt mehr als 30 Millionen Objekte. Damit gehört es zu den weltweit wichtigsten Zentren der Evolutions- und Biodiversitätsforschung. Es kämpfte sich zurück an die Weltspitze. Seit dem 1. Januar 2009 ist das MfN eine rechtlich eigenständige Stiftung öffentlichen Rechts und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

 

Drei Museen verschmelzen zu einem Forschungszentrum

Die Wurzeln reichen bis ins frühe 19. Jahrhundert. Mit der Gründung der Berliner Universität (heute Humboldt-Universität) im Jahr 1810 entstanden drei eigenständige Sammlungen: das Anatomisch-Zootomische, das Zoologische und das Mineralogische Museum. Sie wuchsen durch weltweite Expeditionen und Schenkungen so schnell, dass die Räume im Universitätsgebäude bald zu klein waren.

Ein Neubau musste her. Zwischen 1883 und 1889 errichtete der Architekt August Tiede den monumentalen Bau in der Invalidenstraße, der am 2. Dezember 1889 eröffnet wurde. Dabei geschah etwas Wegweisendes: Zum ersten Mal in Deutschland wurden die Bestände strikt getrennt – in eine öffentliche Schausammlung und eine wissenschaftliche Hauptsammlung. Dieses Prinzip prägt Museen bis heute.

 

Wo steht das MfN Berlin im internationalen Vergleich?

Große Häuser wie das Muséum national d’histoire naturelle in Paris (1793) oder das Natural History Museum in London (dessen Wurzeln im British Museum von 1753 liegen) sind deutlich älter. Innerhalb Deutschlands fällt der Sammlungsbeginn ungefähr mit dem das Senckenberg-Museum in Frankfurt zusammen.

 

Museum

Gründung

Schwerpunkt

Natural History Museum (London)

1753

Systematik & Typusexemplare

Muséum national d’histoire (Paris)

1793

Globale Biodiversität

Museum für Naturkunde (Berlin)

1810

Mesozoikum & Zoologie

Senckenberg Naturmuseum (Frankfurt)

1817

Evolution & Ökologie

Paläontologische Sammlung Tübingen

1830er

Universitätssammlung

Smithsonian NMNH (Washington, D.C.)

1846

Globale Anthropologie & Paläobiologie

AMNH (New York)

1869

Wirbeltier-Paläontologie

Naturhistorisches Museum (Wien)

1889

Habsburger Sammlungen

Field Museum (Chicago)

1893

Evolutionsbiologie & Anthropologie

Von den über 30 Millionen Objekten des Hauses entfallen rund 2,5 Millionen auf die paläontologische Sammlung, aufgeteilt in Wirbellose, Wirbeltiere und Paläobotanik. Den größten Teil des Gesamtbestandes machen aber Insekten und zoologische Alkoholpräparate aus. Zum Vergleich: Die Paläontologische Sammlung der Universität Tübingen umfasst rund 600.000 fossile Objekte.

Noch ein Wort zur „Nass-Sammlung“: Absolut skurril! In einem Hightech-Kühlschrank lässt sich ein Glaskubus umlaufen, in dem auf Regalen aufgereiht eine Million marine Tierpräparate in 276.000 („Einmach-„)Gläsern, die in 80 Tonnen Ethanol gelagert werden. Die Sammlung wird konstant unter 18 Grad Celsius gekühlt, um den Flammpunkt des Alkohols nicht zu erreichen – ein perfekter Aufenthalt für heiße Sommertage. Gläser mit einem roten Punkt enthalten Holotypen.

 

Giraffatitan brancai – Weltrekord und und koloniales Erbe

 

Mit 13,27 Metern Höhe ist er das höchste montierte Dinosaurierskelett der Welt – ein Eintrag im Guinnessbuch inklusive. Das war nicht immer so. Neue biomechanische Erkenntnisse der Paläontologie korrigierten die Fehlstellung der ursprünglichen Montage von 1937. In der ursprünglichen Version waren die Beine des Dinosauriers leicht nach außen angewinkelt und „x-beinig“ montiert – ähnlich wie bei einer heutigen Echse oder einem Krokodil. Heute wissen wir: Sauropoden trugen ihr massives Gewicht von über 30 Tonnen nicht mit ausgestellten Beinen. Sie liefen stattdessen kerzengerade auf säulenartigen Gliedmaßen, die sich direkt unter dem Körper befanden (analog zu heutigen Elefanten). Durch das senkrechte Aufrichten der Beine wanderte der gesamte Rumpf und damit auch der Kopf um einen knappen Meter nach oben. Das Skelett wuchs auf seine heutige Rekordhöhe von 13,27 Metern.

Eine weitere Korrektur war nötig: Bis 2007 schleifte der lange Schwanz des Giraffatitan wie eine schwere Schleppe flach auf dem Museumsboden. Trittsiegel-Analysen und Knochenuntersuchungen weltweit zeigten jedoch, dass Sauropoden beim Gehen niemals ihre Schwänze hinter sich herzogen. Der Schwanz diente als freischwebendes Gegengewicht zum langen Hals. Das Ergebnis: Beim Umbau wurde der Schwanz vom Boden abgehoben und ragt seitdem waagerecht in die Luft.

Wie bei den meisten Skeletten dieser Größenordnung, handelt es sich um ein Komposit aus unterschiedlichen Individuen. Der Großteil des Rumpfes, die Gliedmaßen und die Halswirbel gehören zu einem Haupttier (Katalognummer „SI“). Da dessen Schwanz unvollständig war, wurde er durch die fossilen Schwanzwirbel eines etwas kleineren Giraffatitan-Exemplars ergänzt.

Rund 30 bis 40 Prozent des ausgestellten Skeletts sind künstlich rekonstruiert bzw. ergänzt. Der Schädel ist eine 100 % künstliche Kopie. Der Originalschädel wird eparat in den wissenschaftlichen Forschungssammlungen des Museums aufbewahrt.

Die Knochen stammen aus den Tendaguru-Expeditionen im heutigen Tansania (1909–1913). Diese Grabungen werden heute zunehmend kritisch diskutiert. Unter deutscher Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika wurden hunderte Tonnen Fossilien nach Europa verschifft, teils unter ausbeuterischen Bedingungen für die lokalen Arbeitskräfte. Die Debatte um koloniale Raubkunst und mögliche Restitutionsansprüche betrifft längst auch naturkundliche Objekte. Für Schlagzeilen sorgten zuletzt auch „post-koloniale“ Erwerbungen wissenschaftlich wertvoller Fossilien aus dem globalen Süden mit Besitzansprüchen der Herkunftsländer - Stichwort Ubirajara oder Irritator.

 

Tristan Otto – Marketing Coup eines Investmentbankers?

 

Das tiefschwarze Skelett des Tyrannosaurus rex „Tristan Otto“ wurde Anfang der 2010er Jahre in Montana ausgegraben und ist seit Dezember 2015 in Berlin zu sehen. Sein Schädel ist zu 98 Prozent erhalten – ein Ausnahmefund. Aber: Das Skelett gehört dem Museum nicht. Es ist eine Leihgabe aus Privatbesitz. Das Fossil wurde gemeinschaftlich von dem dänischstämmigen, in London ansässigen Investmentbanker und Finanzinvestor Niels Nielsen sowie seinem Geschäftspartner und Freund Jens Peter Jensen erworben. Sie veranlassten auch die Restauration ganz nach deren Wünschen: Möglichst perfekt und makellos in Szene gesetzt, ohne dass die ergänzten Teile erkennbar sind.

Die Verpflichtung zur öffentlichen Erforschung des T-Rex-Skeletts „Tristan Otto“ ist strikt an die Laufzeit des Leihvertrags mit den privaten Eigentümern gebunden. Durch die wissenschaftliche Bearbeitung und museale Präsentation gewinnt das Objekt massiv an Marktwert, da die Forschung als Echtheitszertifikat fungiert und das Fossil zu einer globalen Marke aufbaut.

Dass sich öffentliche Museen solche Spitzenfossilien kaum noch selbst leisten können, zeigt der boomende Markt für Luxusfossilien. Erst im Juli 2026 erzielte der T. rex „Gus“ bei Sotheby’s in New York rund 50,1 Millionen US-Dollar – ein neuer Auktionsrekord für ein Dinosaurierskelett. Wissenschaftler kritisieren diesen Trend: Einzigartige Naturzeugnisse verschwinden so in privaten Wohnzimmern, wo sie für die Forschung meist verloren sind.

2024 berichtete die FAZ, von den seit 1997 versteigerten 33 Dinosaurier-Skeletten seien nur sieben in öffentlichen Museen gelandet.

SWR Kultur titelt am 15.07.2026: „Wird der T-Rex zum Milliardärsspielzeug?“ (Auszug):

„Auch Museen geraten auf diese Weise in eine Zwickmühle. Beispiel dafür ist das Berliner Museum für Naturkunde. Seit 2015 zeigt es den Dinosaurier „Tristan Otto“, eines der besterhaltenen T-Rex-Exemplare weltweit. Das Museum profitiert von dieser Attraktion, der Leihgabe eines dänischen Sammlers. Doch Forschung steht unter dem Vorbehalt, dass sie dauerhaft stattfinden kann. In Berlin war sie zeitweilig eingestellt. Museumsdirektor Johannes Vogel hofft nun auf eine langfristige Kooperation. Das letzte Wort darüber aber hat der private Leihgeber.“

Indes digitalisiert das MfN  das Material unter Hochdruck, solange der Vertrag läuft. Die Prämisse lautet: Lieber temporärer Zugriff für die Wissenschaft als gar kein Zugriff.

 

Der Berliner Archaeopteryx – die „Mona Lisa der Fossilien“

 

Das wertvollste Fossil des Hauses ist das Berliner Exemplar des Archaeopteryx lithographica aus den Solnhofener Plattenkalken – die ultimative Fossilien-Ikone schlechthin. Dass wir es heute überhaupt noch bewundern können, grenzt an ein Wunder.

Während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg wurde die kostbare Platte in einer Stahlkassette tief unter dem Boden der museumseigenen Gipswerkstatt vergraben und mit Sand und Bodenplatten getarnt. Als die Rote Armee nach der Kapitulation Berlins den Kulturabtransport organisierte und tonnenweise Sammlungsbestände als Beutekunst abtransportiert wurden, blieb das Versteck unentdeckt. Der Urvogel überstand den Krieg unbeschadet im Berliner Untergrund.

 

Archaeopteryx Nr. 1 – Am Anfang war die Feder

 

Im Magazin wird ein weiterer Schatz aufbewahrt, ein unscheinbares Fossil von nur wenigen Zentimetern (6,9 Zentimeter lang und 1,2 Zentimeter breit) - der Holotypus, Archaeopterix #1. Äußerst filigran und delikat, lichtempfindlich, deshalb in einem Kästchen sorgsam verwahrt.

Als Hermann von Meyer 1861 den Namen Archaeopteryx lithographica (übersetzt „alte Feder aus dem Steindruck“) prägte, bezog er sich ausschließlich auf diese einzelne, isolierte Feder, die 1860 bei Solnhofen gefunden wurde. Diese fossile Feder ist ein Spaltfossil. Die detailreichere Hauptplatte befindet sich im Berliner Naturkundemuseum, die Gegenplatte in den Staatlichen Paläontologischen Sammlungen in München.

Eine Randnotiz für Evolutionsfans: Der heutige Generaldirektor des Museums, Prof. Johannes Vogel, ist mit Sarah Darwin verheiratet – einer Ururenkelin von Charles Darwin.

 

Was ist die Leibniz-Gemeinschaft?

 

Die Leibniz-Gemeinschaft ist ein Zusammenschluss von fast 100 eigenständigen Forschungseinrichtungen. Das Spektrum reicht von den Natur- und Ingenieurwissenschaften bis hin zu den Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften.

Das Besondere an diesem Verbund lässt sich in drei Kernpunkten zusammenfassen:

  • Die „Königsteiner“ Finanzierung: Leibniz-Institute werden nicht von einem einzelnen Bundesland getragen. Sie finanzieren sich nach einem besonderen Schlüssel je zur Hälfte durch den Bund und die Länder (nach Artikel 91b des Grundgesetzes). Das sichert ihnen eine solide, überregionale Grundfinanzierung.
  • Der „TÜV“ der Wissenschaft: Diese Gelder fließen jedoch nicht bedingungslos. Jedes Leibniz-Institut muss sich alle sieben Jahre einer strengen, unabhängigen Evaluierung stellen. Wer in dieser Qualitätsprüfung durchfällt und den hohen wissenschaftlichen Standards nicht mehr genügt, verliert im schlimmsten Fall seine Förderung. Dieser permanente Leistungsdruck hält die Forschung auf Weltniveau.
  • „Theoria cum praxi“: Getreu dem Motto ihres Namenspatrons Gottfried Wilhelm Leibniz verbindet die Gemeinschaft Erkenntnis und Nutzen. Es geht nicht um Elfenbeinturm-Forschung, sondern um Wissenschaft, die gesellschaftlich relevant ist und den Dialog mit der Öffentlichkeit sucht.

Innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft nimmt das MfN eine Sonderrolle als eines von acht Leibniz-Forschungsmuseen ein. Die Ausstellung ist untrennbar mit Spitzenforschung im Hintergrund verbunden. Hinter den Kulissen arbeiten hunderte Wissenschaftler an globalen Fragen wie dem Artensterben, dem Klimawandel oder der Digitalisierung von Jahrmillionen alten Naturerbes. Die Forschung gliedert sich grob in drei Felder:

  1. Biodiversität entdecken und erfassen. Die Beschreibung neuer Arten und die Rekonstruktion des Stammbaums des Lebens – mit modernen Genanalysen und CT-Scans.
  2. Genese und Evolution von Erde und Leben. Hier schlägt das Herz der Paläontologie und der Impaktforschung. Untersucht wird, wie kosmische Einschläge und extreme Klimaereignisse Aussterben und Artbildung beeinflusst haben.
  3. Sammlung und digitale Welt. Wie lassen sich Millionen physischer Objekte weltweit digital nutzbar machen? Dafür entwickelt das MfN KI-gestützte Hochgeschwindigkeits-Scanverfahren.

Wohin steuert das Haus?

 

Das MfN meistert den Spagat zwischen Wissenschaftskommunikation und Unterhaltung wie kaum ein anderes Forschungsmuseum. Die Besucherzahlen bewegen sich stabil im Bereich von 700.000 bis über 800.000 Gästen pro Jahr; 2023 wurde mit rund 882.000 Besuchenden ein Rekord aufgestellt. Zählt man Podcasts und digitale Formate hinzu, erreicht das Haus weit über eine Million Menschen.

Aktuell steckt das Museum mitten in einer historischen Transformation. Zwei Drittel des Gebäudes befinden sich baulich noch im Zustand von 1945. Über den „Zukunftsplan“ von Bund und Land Berlin fließen rund 660 Millionen Euro in Sanierung, Ausbau und die vollständige Digitalisierung der Sammlungen. Geplant ist unter anderem ein Sammlungsneubau in Berlin-Adlershof; der internationale Architekturwettbewerb wurde Ende 2024 entschieden. Nach dem Umbau soll das Haus mehr als eine Million Gäste pro Jahr empfangen können.

Dann wird vielleicht auch eine Lücke im Erdaltertum geschlossen. Wer durch die aktuelle Ausstellung geht, sieht vor allem Fossilien aus dem Mesozoikum, dem Oberjura (Kimmeridgium bis Tithonium, ca. 154 bis 145 Millionen Jahren) der Solnhofener Plattenkalke sowie der Tendaguru-Formation und besagtem Tristan Otto aus der Oberkreide (Hell Creek Formation, Montana (USA), ca. 66 Millionen Jahre). Das Paläozoikum ist in der Schausammlung kaum vertreten. Für alle, die sich für die kambrische Explosion oder die devonischen Panzerfische begeistern, bleibt dieser Teil der Erdgeschichte in den Magazinen verborgen.

 

Quellen

  • Museum für Naturkunde Berlin: museumfuernaturkunde.berlin
  • Museum für Naturkunde Berlin: Besucherrekord 2023 – rund 882.000 Gäste vor Ort, Pressemitteilung
  • Museum für Naturkunde Berlin: Zukunftsplan – Sanierung, Digitalisierung, Sammlungsneubau, Ausstellungsseite
  • Museum für Naturkunde Berlin: 660 Mio. € von Bund und Land für den Zukunftsplan, Pressemitteilung
  • Giraffatitan brancai, Guinness-Weltrekord, Tendaguru, artsandculture.google.com
  • Ein Dino fürs Wohnzimmer: DieZeit
  • Wird der T-Rex zum Milliardärsspielzeug? SWRtischlinger Archeopteryx UV
  • Tischlinger, H. (2005): Neue Informationen zum Berliner Exemplar des Archaeopteryx lithographica: ResearchGate
  • Tischlinger, H. & Unwin, D. (2020): UV-Untersuchungen des Berliner Exemplars von Archaeopteryx lithographica: ResearchGate
  • Tischlinger, H. (2021): Archaeopteryx: Am Anfang war die Feder: ResearchGate
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