Die Polizei fahndet seit dem 07.08.26 nach entwendeten Fossilien aus der paläontologischen Schausammlung des Goldfuß-Museums in Bonn. Das Medienecho war groß. „Fossilien aus Museum der Universität Bonn gestohlen”, „Zwerg-Dinosaurier aus Uni-Museum entwendet” – Tagesschau, Deutschlandfunk, WDR und RTL berichteten.
Augen auf im Internet und auf Sammlerbörsen
„Wer eines der abgebildeten Stücke gesehen hat, entsprechende Angebote – etwa im Internet, auf Börsen oder im Handel – bemerkt oder andere sachdienliche Beobachtungen gemacht hat, wird gebeten, sich unverzüglich an die Polizei Bonn zu wenden. Zuständig ist das Kriminalkommissariat 13, Tel. 0228/15-0, E-Mail kk13.bonn@polizei.nrw.de. Von der selbständigen Kontaktaufnahme zu möglichen Anbietenden der gestohlenen Stücke wird ausdrücklich abgeraten.“
Was wurde wirklich gestohlen?
Die Universität Bonn nannte unter der Beute einen Zwerg-Dinosaurier der Gattung Compsognathus und einen Archaeopteryx-Urvogel. Auf die Schrecksekunde folgt die Analyse. Compsognathus, Archaeopteryx – die hat das Goldfuß-Museum doch gar nicht im Original. Durchatmen: Es kann sich nur um Abgüsse handeln. Von den rund zwölf bekannten Archaeopteryx-Exemplaren liegt keines in Bonn; von Compsognathus existieren weltweit nur eine Handvoll Originale, in München und Frankreich. Der spektakulär klingende Verlust relativiert sich damit – jedenfalls wissenschaftlich.
Die Universität zeigt auf ihrer Seite „Gestohlene Fossilien” elf ausgewählte Objekte. Darunter sind die mutmaßlichen Abgüsse, aber auch echte, teils schöne Fossilien: der Fisch Caturus furcatus (Solnhofen, Jura, ca. 60 cm), die Samenpflanze Alethopteris serlii (Karbon, Dudweiler/Saarland, ca. 45 cm), der Seeskorpion Mixopterus kiaeri (Silur, Norwegen), der Netzflügler Kalligramma haeckeli und Krebs Pseudastacus aus Solnhofen, der Knochenfisch Dapedium aus Holzmaden und weitere.
Und hier beginnt das eigentliche Problem. 25 Vitrinen wurden aufgebrochen – öffentlich dokumentiert und bebildert ist aber nur diese kleine Auswahl. Viele der Aufnahmen sind zudem wenig aussagekräftig; für eine zweifelsfreie Wiedererkennung taugen nur wenige, für die Fahndung sind nur zwei Photos geeignet. Man muss es so deutlich sagen: Offenbar ist gar nicht vollständig bekannt, was fehlt.
Wie konnte das über zweieinhalb Jahre unbemerkt bleiben?
Zu Beginn der Renovierung am 1. Dezember 2023 wurden die Vitrinen mit hölzernen Einhausungen verschalt. Erst beim Rückbau dieser Verschalungen am 29. Juli 2026 fielen die Beschädigungen auf. Die Täter arbeiteten also im Verborgenen, hinter der Holzverkleidung – und hatten dafür bis zu zweieinhalb Jahre Zeit. An den Zugangstüren fanden sich keine Aufbruchspuren. Wie sie ins Gebäude gelangten, ist bis heute offen.
Gelegenheitsdiebe – und der Blick auf die großen Coups
Man stelle sich vor, die mutmaßlich langfingrigen „Handwerker” wären nicht auf Gipsabgüsse hereingefallen und planvoller vorgegangen – so wie andernorts:
- Bode-Museum Berlin: In der Nacht zum 27. 03.2017 verschwand die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf” (Materialwert rund 3,75 Millionen Euro).
- Historisches Grünes Gewölbe Dresden: Am 25. 11.2019 entwendeten die Täter 21 Schmuckstücke mit rund 4.300 Diamanten; der Versicherungswert lag bei über 113 Millionen Euro. Ein Großteil wurde Ende 2022 zurückgegeben, fünf Täter 2023 verurteilt. Beide Fälle – Bode wie Dresden – gehen auf Angehörige derselben Berliner Großfamilie zurück.
- Louvre Paris: Am 19.10.2025 stahlen als Bauarbeiter verkleidete Täter in wenigen Minuten Kronjuwelen im Wert von rund 88 Millionen Euro – unversichert.
Nicht auszudenken, welcher immaterielle Schaden bei einem planvollen Einbruch in ein naturhistorisches Museum mit wissenschaftlich wertvolleren Fossilien entstünde. Ob sich herausragende Stücke auf dem Fossilienmarkt überhaupt veräußern ließen, ist dabei zweitrangig. Ich habe dazu eine eigene Meinung – sie gibt wenig Anlass zur Hoffnung.
Was lehrt uns dieser Fossilien-Diebstahl?
Meinen gebetsmühlenartigen Appell an Sammler – mehr Augenmerk auf Dokumentation und Provenienz, gerade bei Fossilien aus Messel, China oder Brasilien – gilt ungleich mehr für die Hüter des kulturellen Erbes selbst: die öffentlichen Sammlungen und Museen.
Eine lückenlose, öffentlich zugängliche Inventarisierung ist in vielen Häusern bis heute überfällig. Seit Jahrzehnten wird das mit fehlenden Mitteln und Ressourcen entschuldigt. Aus meiner Sicht ist dieser graue Fleck zu wenig im öffentlichen Bewusstsein – es fehlt eine laute Lobby, die entsprechende Pflichten von der öffentlichen Hand einfordert. Die Paläontologische Gesellschaft und das Steinkern-Forum wären geeignete Sprachrohre.
Dabei ist der Nutzen offensichtlich. Sind wissenschaftlich wertvolle Stücke einmal erfasst und mit Foto öffentlich hinterlegt, lässt sich ein verdächtiges Angebot im Netz binnen Minuten per Smartphone abgleichen. Plattformen dafür existieren längst, nur ihre Vernetzung hinkt hinterher:
- iDigBio (Integrated Digitized Biocollections): große US-Plattform, die Millionen digitalisierter Datensätze naturkundlicher Sammlungen bündelt – mit zahlreichen hochauflösenden Fossil-Fotos.
- MorphoSource: digitales Archiv für 3D-Scans und CT-Aufnahmen paläontologischer Objekte, offen für Forschung und Öffentlichkeit.
- GBIF sowie Online-Kataloge großer Häuser (etwa Naturhistorisches Museum Wien oder Museum für Naturkunde Berlin), die Sammlungsteile und Typusexemplare mit Fotos zeigen.
Und so bitter es ist: Museen mit Fossilien, deren Marktwerte durch spektakuläre Auktionsergebnisse zunehmend ins öffentliche Bewusstsein rücken, werden um konsequente Videoüberwachung nicht herumkommen.
Ein Stresstest für Deutschlands Sammlungen
Auch wenn wir mangels Dokumentation nicht einmal sicher wissen, was im Goldfuß-Museum tatsächlich fehlt, legen die wenigen Fotos nahe: Diesmal sind Verantwortliche und Öffentlichkeit mit einem blauen Auge davongekommen. Man sollte den Vorfall zum Anlass nehmen für einen Stresstest, dem sich die bedeutendsten paläontologischen Museen und Forschungssammlungen unterziehen – zum Beispiel:
Staatliche Forschungsmuseen
- Museum für Naturkunde Berlin
- Senckenberg Naturmuseum (Frankfurt am Main)
- Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart (Museum am Löwentor)
- Staatliche Museum für Naturkunde Karlsruhe (SMNK)
- Naturhistorischen Museum Mainz
Universitätssammlungen
- Paläontologisches Museum München
- Paläontologische Sammlung der Universität Tübingen
- Geomuseum der Universität Münster / LWL-Museum
- Geiseltalmuseum (Halle an der Saale)
Spezialmuseen
- Urweltmuseum Hauff (Holzmaden) - privat
- Jura-Museum (Eichstätt, Willibaldsburg)
- Dinosaurier Museum Altmühltal (Denkendorf) - privat
Fazit
Der Bonner Fossilien-Diebstahl ist glimpflich ausgegangen – vor allem, weil die Täter Abgüsse und nur untergeordnet wissenschaftlich wertvolle Fossilien erbeutet haben. Doch er legt eine Lücke offen, die weit über ein einzelnes Museum hinausreicht. Wer Erdgeschichte bewahrt, muss wissen, was er besitzt – und es dokumentieren, bevor es fehlt.
Ein besonderer Weckruf für das Goldfußmuseum Bonn: Christoph Bartels (1949-2024) hat dem Museum seine bedeutende Sammlung an Bundenbach-Fossilien überlassen, welche 2027 präsentiert werden soll, darunter wissenschaftlich einzigartige Fundstücke.
Quellen
- Polizei Bonn / Polizei NRW: Pressemitteilung vom 07.08.2026 – „Einbruch in Goldfuß-Museum” – Tathergang, Zeitraum, Ermittlungsstand.
- Universität Bonn: „Gestohlene Fossilien” – Objektliste und FAQ – die elf abgebildeten Stücke und Hinweise zur Erkennung.
- Goldfuß-Museum der Universität Bonn: Sammlung und Geschichte – Hintergrund zur historischen Sammlung (Georg August Goldfuß).
- Dresdner Juwelendiebstahl (2019), Rückgabe 2022, Verurteilung 2023 – inkl. Verbindung zum Bode-Museum-Coup (2017): Übersicht bei Wikipedia.
- INTERPOL: „Louvre Museum theft” (19.10.2025) – Aufnahme der Stücke in die Datenbank gestohlener Kunstwerke.
- iDigBio – Integrated Digitized Biocollections – Aggregator digitalisierter Sammlungsdaten mit Fotos.
- MorphoSource – Archiv für 3D- und CT-Daten paläontologischer Objekte.
- GBIF – Global Biodiversity Information Facility – weltweiter Zugang zu Sammlungs- und Fundortdaten.
Bildnachweis
© Foto: Goldfuß-Museum/Uni Bonn

