Regionaler Charme: Sammlung Engel Naturkundemuseum Göppingen

Naturkundemuseum Goeppingen Museum

Jüngst war es in der Lokalzeitung zu lesen: Das Naturkundemuseum der Stadt Göppingen hat „wohl keine Zukunft“. Ein Satz, der mich aufhorchen ließ – nicht nur, weil Göppingen von Tübingen aus ein Katzensprung ist, sondern weil sich hier ein Muster fortsetzt. 2025 hatte die Landespolitik in Rheinland-Pfalz einem neuen Fossilienmuseum in Bundenbach eine Absage erteilt, immerhin die wohl bedeutendste Fossillagerstätte des Devons. Nun folgt Göppingen, eine der klassischen Wiegen der schwäbischen Paläontologie.

 

Schwäbische Alb und Vorland – Wiege der Paläontologie

Seit rund 400 Jahren gehören die Schwäbische Alb und ihr Vorland zu den fossilreichsten Landschaften Europas. Der Posidonienschiefer des Unteren Jura – berühmt geworden durch Holzmaden, und wenige Kilometer entfernt liegt mit Pliensbach sogar die Typuslokalität einer erdgeschichtlichen Stufe, dem Pliensbachium. Spektakuläre Fossilien von hier stehen heute in nahezu jedem großen Naturkundemuseum der Welt.

Allen voran, im benachbarten Urweltmuseum Hauff und dem Naturkundemuseum Stuttgart. Gegenüber deren spektakuläre Exponate sich durchzusetzen, ist für ein lokales Naturkundemuseum eine besondere Herausforderung. Dies erfordert eine ebenso durchdachte wie aufwändige Museumskonzeption, am besten flankiert durch Sonderausstellungen. Das Naturkundemuseum Reutlingen hat eine solche Nische für entdeckt und freut sich über den Besucherandrang – gleichwohl mit reichlichen finanziellen Mitteln der Stadt ausgestattet.

 

Theodor Engel, „Theolog und Geolog“

Die Göppinger Sammlung trägt den Namen eines Mannes, der sich selbst gern als „Theolog und Geolog“ bezeichnete: Theodor Engel (1842–1933). Bereits als Kind interessierte er sich für Versteinerungen. Ab 1860 studierte er in Tübingen Theologie und Philosophie, hörte aber auch Geologie – und geriet damit in den Bannkreis von Friedrich August Quenstedt, dem Erfinder des unter Sammlern bis heute gebräuchlichen „Juraalphabets“. Aus diesem Tübinger Umfeld ging eine ganze Generation schwäbischer Sammler-Forscher hervor, zu denen auch Oskar Fraas gehörte.

Engel wurde Pfarrer und blieb daneben ein rastloser Naturforscher. Sein „Geognostischer Wegweiser durch Württemberg“ galt schwäbischen Sammlern über Jahrzehnte als Bibel; er war Mitbegründer des Schwäbischen Albvereins und hat die Region auch touristisch mit erschlossen. Ein bemerkenswertes Detail am Rande: Engel ist der Urgroßvater des Politikers Rezzo Schlauch. Über ein langes Leben trug er eine Sammlung von an die 100.000 Fossilien zusammen – aus dem schwäbischen und schweizerischen Jura, alles vorbildlich dokumentiert.

 

Ein Schatz – und ein Versprechen

1924 verkaufte der damals 82-jährige Engel seine Sammlung zu einem Freundschaftspreis an die Stadt Göppingen; 6.000 Goldmark zahlte die Stadt kurz nach den Inflationsjahren. Man war sich des Wertes bewusst. In den Vertrag ließ Engel eine Klausel schreiben, die heute wie eine Mahnung klingt: Die Stadt verpflichtete sich, die Sammlung „für alle Zeiten“ beisammenzuhalten, gut unterzubringen, gewissenhaft zu pflegen und der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zugänglich zu machen.

Denn der wissenschaftliche Wert ist keineswegs abgegolten. Fachleute halten die Sammlung für außergewöhnlich, weil sie den gesamten Jura nahezu vollständig abbildet – eine Seltenheit. Viele Stücke, darunter Holotypen, stammen aus klassischen Fundstellen, die längst überbaut oder verfüllt sind und die man nie wieder wird nachsammeln können. „Laut Prof Dr. Rainer Schoch (Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, Beauftragter des Denkmalschutzes Baden-Württemberg) wäre die Sammlung heute sogar ein Denkmal, wenn sie nicht schon vor Inkrafttreten des Schatzregals (Denkmalschutzgesetz Baden-Württemberg, 1971) gekauft worden wäre.“

 

Zukunft ungewiss

Das Museum in der Alten Badherberge in Jebenhausen – untergebracht in einem der ältesten profanen Gebäude der Stadt – ist seit Ende 2022 geschlossen. Gebäude und angrenzendes Badhaus müssen grundlegend saniert werden, bevor an eine zeitgemäße Präsentation überhaupt zu denken ist.

Dabei fing vieles vielversprechend an. Mit Dr. Christian Kolb kam Ende 2020 ein ausgewiesener Paläontologe und Ichthyosaurier-Spezialist als Museumsleiter; 2021 gründete sich der Förderverein „FöNaMu“, die Inventarisierung begann, eine Machbarkeitsstudie zeigte, wie Baudenkmale und Sammlung zu einer modernen Naturkunde-Anlaufstelle verbunden werden könnten.

Im Frühjahr 2026 machte der Gemeinderat deutlich, dass ein zeitgemäßes Naturkundemuseum finanziell außer Reichweite liegt. Immerhin sprach sich der Bezirksbeirat gegen einen Verkauf der Sammlung aus, und der Oberbürgermeister versicherte, die Stadt werde ihrer moralischen Verantwortung gerecht. Über die Fraktionen hinweg hörte man eine Mischung aus Frust und der Hoffnung auf bessere Zeiten. Konkret gesichert ist vorerst nur eines: Die Sammlung Engel soll wenigstens inventarisiert werden.

Gerade weil viele Engel-Stücke aus heute verschwundenen Fundstellen stammen, ist ihre Dokumentation ihr eigentlicher Wert – nicht der Schauwert der einzelnen Fossilien. Die Sammlung Engel ist nach aktuellen wissenschaftlichen Maßstäben bisher kaum erschlossen. Von daher birgt die Inventarisierung und Veröffentlichung in einem online-Archiv eine Chance.

 

Fazit

Ein allgemeiner Trend setzt sich fort. Der visuelle Reiz von Ausstellungsobjekten verliert in Zeiten der Bilderflut an Zugkraft; die Aufbruchsstimmung des Bildungsbürgertums, das im späten 19. Jahrhundert überall kleine Naturkundemuseen gründete, ist längst verklungen.

In Zeiten leerer Kassen wird der Rotstift erfahrungsgemäß dort angesetzt, wo die Lobby am schwächsten und der Aufschrei am leisesten ist – bei Kultur und Museen. Das ist keine Verschwörung, sondern schlichte Haushaltslogik, und man wird sie kaum aufhalten. Aber es lohnt sich, den Preis zu benennen. In Göppingen steht nicht bloß „ein Haufen Steine“ zur Disposition, wie der zuständige Wissenschaftler den gängigen Einwand zusammenfasst, sondern eine der historisch bedeutsamsten Jura-Privatsammlungen Deutschlands – und ein hundert Jahre altes Versprechen, das die Stadt einem Pfarrer gegeben hat.

 


Quellen

  • Anton Hegele: „Der Petrefakten zahllos Heer, zum Sammeln nur so lag umher.“ Zum „Umgang“ mit Fossilien im Umfeld der Geopark-Infostelle Boll/Göppingen. – Abhandlungen der Geologischen Bundesanstalt, Bd. 60, S. 77–84, Wien 2007.
  • Hegele, Lang & Rockenbauch: Jurasammlung Dr. Engel. Erdgeschichte und Landschaft in Schwaben. Korb 1991.
  • Stadt Göppingen, Naturkundliches Museum: goeppingen.de
  • Förderer des Naturkundlichen Museums Göppingen e.V. (FöNaMu): foenamu-goeppingen.de
  • Stuttgarter Zeitung: „Schatzkiste der Erdgeschichte“ – wie Göppingen zu seltenen Fossilien kam (Artikel vom 12.08.2025)
  • SWP: Naturkundemuseum in Göppingen hat wohl keine Zukunft (Artikel vom 07.03.2026)
  • Filstalexpress: Naturkundliches Museum Göppingen: 100 Jahre Sammlung Dr. Engel (Artikel vom 22.01.2025)
Beitrag teilen:

Ähnliche Beiträge zu Fossilien

Nach oben scrollen