Ichthyosaurier mit Weichteilen: Meilensteine aus über 250 Jahren Forschung

Flipper Of Temnodontosaurus Trigonodon With Soft Tissues 1

Fischsaurier gehören zu den am längsten erforschten Fossilien überhaupt. Seit der ersten Beschreibung im Jahr 1699 sind sie Gegenstand intensiver Untersuchungen (Lhuyd 1699; Wallstedt et al. 2024). Und doch fördert die Forschung bis heute Überraschungen zutage. Besonders spannend wird es, wenn nicht nur Knochen erhalten sind, sondern auch Weichteile: Haut, Pigmente, Mageninhalte, ganze Körperumrisse.

Für Fossiland ist das mehr als eine wissenschaftliche Randnotiz. Viele dieser Meilensteine stammen aus dem Posidonienschiefer von Holzmaden – also aus der Region, die unsere Arbeit prägt. In diesem Beitrag zeichnen wir sieben Stationen aus über 250 Jahren Forschung nach.

 

1699: Wie alles begann

Den Ausgangspunkt setzt der walisische Naturforscher Edward Lhuyd. In seinem 1699 erschienenen Werk „Lithophylacii Britannici Ichnographia“ bildet er fossile Reste ab, die heute den Ichthyosauriern zugeordnet werden (Lhuyd 1699). Dass es sich um Meeresreptilien handelt, war damals noch nicht bekannt. Trotzdem gilt diese Abbildung als die erste dokumentierte Beschäftigung mit einem Fischsaurier. Seither reißt die Forschung nicht ab.

 

1836: Die ersten Weichteile

Rund 140 Jahre später gelingt der nächste Schritt. 1836 beschreibt William Buckland an einem Exemplar aus dem Unteren Jura von Lyme Regis in Südengland vermutliche Hautreste – die erste dokumentierte Weichteilerhaltung bei einem Ichthyosaurier (Buckland 1836). Danach häufen sich solche Funde, vor allem aus den jurassischen Konservat-Lagerstätten in Deutschland und Großbritannien. Lyme Regis und der schwäbische Posidonienschiefer werden zu den wichtigsten Fundgebieten.

 

1892: Der Durchbruch in Holzmaden

Der vielleicht bedeutendste Moment für die schwäbische Paläontologie spielt sich in Holzmaden ab. Bernhard Hauff (1866–1950) gelingt es 1892, an einem rund 1,2 Meter langen Ichthyosaurier durch mühsame Präparation den vollständigen Körperumriss freizulegen (Berckhemer 1936; Hegele 2007). Eine Hauterhaltung dieser Art galt bis dahin als undenkbar. Der Fund erregte großes Aufsehen und zunächst ungläubiges Staunen.

Hauffs Vater war ursprünglich nach Holzmaden gekommen, um Öl aus dem Schiefer zu gewinnen. Das erwies sich als unrentabel. Bernhard Hauff dagegen erkannte den Wert der Fossilien und entwickelte neue Präparationstechniken. Ab 1906 gab er den kommerziellen Schieferabbau auf und widmete sich ganz der Präparation. Seine Präparate gingen in Museen und Sammlungen in aller Welt.

1921 veröffentlichte Hauff seine wissenschaftliche Arbeit über die Fundstätten von Holzmaden (Hauff 1921). Die Universität Tübingen ernannte ihn dafür zum Ehrendoktor. Die Präparationskunst hat sich seit 1892 kaum geändert: Nur ein feiner Farbunterschied zwischen braunem Knochen und grauem Schiefer leitet den Präparator bei der Freilegung von Hauterhaltung. Der heute beliebte Einsatz von Stichel und Feinstrahler ist dafür denkbar ungeeignet.

 

1968: Ein Blick in den Magen

Weichteile verraten nicht nur, wie ein Tier aussah, sondern auch, was es fraß. Einen Klassiker dazu lieferte die Publikation von John E. Pollard. Er beschrieb den Mageninhalt eines kleinen Ichthyosauriers aus dem Unteren Lias von Lyme Regis (Pollard 1968). Die Magenmasse bestand fast vollständig aus winzigen Fanghaken von Kopffüßern, Tintenfischen.

Pollard schätzte, dass die Masse den Fanghaken von rund 760 bis 2.430 Tintenfischen entsprach. Er verglich die Ernährung und den Verdauungsapparat der Ichthyosaurier mit dem des Pottwals, der ebenfalls Kopffüßer jagt. Schon im 19. Jahrhundert waren solche Mageninhalte dokumentiert worden, unter anderem von William Buckland 1836.

 

2018: Die Speckschicht

Fast genau 50 Jahre später sorgte ein Team um Johan Lindgren für Schlagzeilen. An einem Stenopterygius aus dem Posidonienschiefer wiesen die Forscher eine fossile Speckschicht (Blubber) nach (Lindgren et al. 2018). An der Uni Göttingen war auch Volker Thiel beteiligt. Solche Fettpolster sind typisch für heutige Meeressäuger. Sie isolieren gegen Kälte, unterstützen den Auftrieb und dienen als Energiespeicher.

Der Nachweis stützt die These, dass Ichthyosaurier warmblütig waren. Zusätzlich fand das Team Hinweise auf die Färbung: Die Haut war offenbar an der Oberseite dunkel und an der Unterseite hell – eine Gegenschattierung, wie sie viele heutige Meerestiere zeigen. Sie tarnt, schützt vor UV-Licht und hilft bei der Wärmeregulierung. Nachweisbar war sogar noch der Farbstoff Melanin. Die Ähnlichkeit zwischen Ichthyosauriern und heutigen Zahnwalen ist damit nicht nur äußerlich.

 

2024: Mikroskop und Molekül

Der Fund von 2018 war kein Einzelfall, sondern Teil einer breiteren Entwicklung. Moderne Methoden – Elektronenmikroskopie, Massenspektrometrie, chemische Analysen – erlauben heute den Blick bis in einzelne Zellen und Moleküle. So ließen sich an Ichthyosauriern alle drei Hautschichten (Epidermis, Dermis, Unterhaut) sowie Pigmentzellen (Melanophoren) und Pigmentkörperchen (Melanosomen) nachweisen. Auch Reste innerer Organe wie Leber und Verdauungstrakt sind dokumentiert (Eriksson et al. 2022).

Wie viel diese Methoden hergeben, zeigt eine Studie von 2024. An einem jungen Fischsaurier aus dem Toarcischen „Schistes Carton“ von Luxemburg – weitgehend zeitgleich mit dem Posidonienschiefer entstanden – rekonstruierte das Team die Schichtung der Haut samt Pigmentzellen (Wallstedt et al. 2024). Wachstumslinien in den Rippen deuteten zudem auf ein Mindestalter von drei Jahren hin. Die außergewöhnliche Erhaltung erklären die Autoren durch rasche Phosphatisierung unter sauerstoffarmen Bedingungen. Bemerkenswert: Auch dieses Stück stammt aus der Hand eines Amateur-Sammlers, der es in den frühen 1990er-Jahren barg.

 

2025: Flossen mit Knorpelhaut

Den jüngsten Höhepunkt lieferte 2025 eine Arbeit in „Nature“. Ein internationales Team um Johan Lindgren und den Ichthyosaurier-Experten Dean Lomax untersuchte eine rund einen Meter lange Vorderflosse von Temnodontosaurus trigonodon (Lindgren, Lomax, Sachs et al. 2025). Dieser Fischsaurier wurde über zehn Meter lang und stand vor rund 183 Millionen Jahren an der Spitze der Nahrungskette.

Gefunden hatte das Fossil der Hobby-Sammler Georg Göltz 2014 in einem Steinbruch bei Dotternhausen. Das Ergebnis der Kooperation zwischen Sammler und Wissenschaftler ist bemerkenswert: Die Flosse trägt an der Hinterkante eine gezackte Struktur aus verstärktem Knorpelgewebe, für die das Team einen neuen Begriff prägte – „Chondroderme“. Solche Strukturen sind von keinem anderen Tier bekannt, lebend oder ausgestorben.

Die Funktion rekonstruierte das Team unter anderem mit 3D-Simulationen: Die gezackte Kante dürfte Geräusche beim Schwimmen gedämpft haben. Temnodontosaurus konnte sich so nahezu lautlos anpirschen – ähnlich wie heutige Eulen dank ihrer Schwungfedern geräuschlos jagen. Zusammen mit den riesigen Augen des Tieres ergibt das ein Bild vom lautlosen Jäger in der Tiefe. Heute ist das Stück im privaten Paläontologischen Museum Nierstein bei Mainz öffentlich zu sehen. Kurioses Detail am Rande: Auch das erste vollständige Ichthyosaurier-Skelett, das Mary Anning vor über 200 Jahren barg, war ein Temnodontosaurus.

 

Fazit nach 250 Jahren Ichthyosaurier-Forschung

Die Fischsaurier-Forschung blickt zurück auf über 250 Jahre Geschichte. Und trotzdem kommen immer wieder sensationelle Ergebnisse ans Licht. Das liegt einerseits an neuen Untersuchungsmethoden, mit denen sich heute selbst Pigmente und Moleküle auslesen lassen.

Es liegt andererseits an den Fundstücken selbst. Manche bedeutenden Fossilien werden erst Jahre nach ihrer Entdeckung wissenschaftlich zugänglich. Der Temnodontosaurus aus Dotternhausen erreichte die Forschung rund ein Jahrzehnt nach seiner Bergung; der luxemburgische Fischsaurier lag noch länger, bevor er untersucht wurde. In Baden-Württemberg kommt hinzu, dass Funde meldepflichtig sind und rechtlich dem Land zufallen können – ein Umfeld, in dem Sammler und Wissenschaft nicht immer leicht zusammenfinden. Umso wertvoller sind die jüngsten Beispiele. Sie zeigen eine Win-win-Situation: Wenn Amateur-Paläontologen und Wissenschaftler zusammenarbeiten, profitieren beide Seiten – und mit ihnen die Wissenschaft.

 

Quellen

  • Berckhemer, F. (1936): Bernhard Hauff zum 70. Geburtstag. Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 92: XLII–XLIII.
  • Buckland, W. (1836): Geology and Mineralogy Considered with Reference to Natural Theology (Bridgewater Treatise). London.
  • Eriksson, M. E., De La Garza, R., Horn, E. & Lindgren, J. (2022): A review of ichthyosaur (Reptilia, Ichthyopterygia) soft tissues with implications for life reconstructions. Earth-Science Reviews 226: 103965.
  • Hauff, B. (1921): Untersuchung der Fossilfundstätten von Holzmaden im Posidonienschiefer des Oberen Lias Württembergs. Palaeontographica 64. Stuttgart.
  • Hegele, A. (2007): „Der Petrefakten zahllos Heer, zum Sammeln nur so lag umher.“ Zum „Umgang“ mit Fossilien im Umfeld der Geopark-Infostelle Boll/Göppingen. Abhandlungen der Geologischen Bundesanstalt 60: 77–84.
  • Lhuyd, E. (1699): Lithophylacii Britannici Ichnographia. Gleditsch & Weidmann, London.
  • Lindgren, J., Sjövall, P., Thiel, V. et al. (2018): Soft-tissue evidence for homeothermy and crypsis in a Jurassic ichthyosaur. Nature 564: 359–365.
  • Lindgren, J., Lomax, D. R., Sachs, S. et al. (2025): Adaptations for stealth in the wing-like flippers of a large ichthyosaur. Nature. DOI: 10.1038/s41586-025-09271-w.
  • Pollard, J. E. (1968): The gastric contents of an ichthyosaur from the Lower Lias of Lyme Regis, Dorset. Palaeontology 11(3): 376–388.
  • Bonnevier Wallstedt, I., Sjövall, P., Thuy, B., De La Garza, R. G., Eriksson, M. E. & Lindgren, J. (2024): Skin Anatomy, Bone Histology and Taphonomy of a Toarcian (Lower Jurassic) Ichthyosaur (Reptilia: Ichthyopterygia) from Luxembourg, with Implications for Paleobiology. Diversity 16(8): 492.

Bildnachweis: Lindgren, J., Lomax, D. R., Sachs, S. et al. (2025): Adaptations for stealth in the wing-like flippers of a large ichthyosaur. Nature, via PMC / Nature. Lizenziert unter CC BY 4.0

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